Böse Bilder

Seit kurzem gibt es auf blogsport.de ein neues Projekt (antifastreetart.blogsport.de), dass Antifa (oder allgemein Linke) -Sprühschablonen, Aufkleber, Wallpaper und sonstige Bilder sammelt. Eigentlich ne ganz gute Idee, hat man dann doch eine Anlaufstelle, wenn man ein Bild oder eine Idee braucht. (Siehe auch politischesplakat.blogsport.de.)

Leider wurde das Projekt gleich zu Beginn von einer Kontroverse überschattet. Der/die Blogger_in hatte ein Bild aus der „Antispe“ (Tierrechts)-Szene gepostet, dass einigen – nachvollziehbarerweise – sauer aufgestoßen ist. Es zeigt zwei Kampfjets, die auf Hochhäuser hinzielen, die dem WTC ähneln. Ihre Kondenzstreifen formen ein McDonalds-“M“. Ein weiterer Kritikpunkt waren Bilder mit „mackerhafter“ oder ‚überholter‘ Symbolik, wie Referenzen zu Che Guevara, der RAF oder dem Palituch.

Ich muss jetzt mal eine Lanze für ‚unkorrekte‘ Symbolik brechen.

Viele (meist junge) Menschen benutzen solche Symbole, um ihre Ablehnung für das Geschehen und die Gesellschaft um sie herum auszudrücken. Man mag es als jugendliche Rebellion abtun, aber diese Ablehnung ist ein wichtiger Teil dessen, was das ‚Linkssein‘ ausmacht. Selbst wenn man noch kein „geschlossenes linksradikales Weltbild“ besitzt (wie es der Verfassungsschutzbericht nennt), und noch nicht so viel theoretisch draufhat wie andere, kann man meiner Meinung nach trotzdem dem bürgerlichen Mainstream schon einiges voraus haben.

Beispielsweise:

  • Wenn sich jemand ein Che Guevara-Poster ins Zimmer hängt, dann kann das bedeuten, dass sie/er ein Problem mit dem Kapitalismus hat. Oder dass sie Che als ein Freiheitskämpfer gegen Diktatur und Imperialismus bewundert, der auch eine menschliche Seite hat. (Vielleicht bedeutet es auch gar nichts: Kulturindustrie…)
  • Ein RAF-Stern irgendwo hinzukleben ist vielleicht ein Ausdruck von Bereitschaft zur Militanz, oder die Sehnsucht nach einer Zeit (die es so nie gegeben hat), wo die bürgerlich-kapitalistische Normalität vom Umsturz bedroht war.
    Man kann natürlich an der RAF sehr viel kritisieren. Herausgegriffen sei beispielhaft ihr Antisemitismus. Abgesehen von der Frage, ob der Mensch mit dem RAF-Aufkleber als Emo-Linke_r darüber überhaupt so genau bescheidweiß, ist dies nun bestimmt nicht der Aspekt, den er/sie ausdrücken will, wenn er/sie den Aufkleber benutzt.
  • Ebenso weiß ein Punk in der Regel nichts über die Geschichte des Palituchs, dass er/sie vielleicht trägt. Es ist für sie/ihn kein antisemitisches Statement, sondern drückt den Zusammenhang mit der Punk-Szene und der Linken aus.

Wenn ich jetzt solche Bilder verdammen will, nehmen ich einerseits den Linken ihre Identifikationssymbole. Andererseits stoße ich vielen Emo-Linken vor den Kopf, die nicht verstehen, warum sie unter Linken gerade das nicht mehr zeigen sollen, was für sie ihre Zugehörigkeit zur Szene ausdrückt.

Meine These ist, dass das auch nicht nötig ist. Warum sollte man nicht solche Bilder verwenden dürfen?

  • Im Fall der „mackerigen“ Bilder: Man macht sich nicht alle Inhalte der RAF zu eigen, wenn man ihr Symbol als Wallpaper hat. Man will nicht unbedingt den Sozialismus kubanischer Prägung, wenn man ein Konterfei Ches sprüht.
  • Im Fall des World-Trade-Centers (no pun intended): Auch wenn mir persönlich diese radikalen Tierrechtsleute ein bisschen suspekt sind, habe ich persönlich kein Problem mit dem Bild. Klar ist das Bild nicht pietätvoll den Opfern gegenüber, aber ich bin Linker, und kein Christ, und deshalb fühle ich mich nicht zu Pietät verpflichtet.

    Außerdem ist Amerika in vielen Dingen noch viel schlimmer als Deutschland (wobei Nationen eigentlich in ihrer ‚Schlimmheit‘ inkommensurabel sind ;-) ), genannt seien die Kriege, der Militarismus, das fundamentalistische Christentum, das schlechte Sozialsystem, und und und. Deswegen habe ich durchaus kein Problem mit einem bisschen Anti-Amerikanismus.

Es gibt zwei Argumente, die ich gelten lasse: Erstens die Vermittlungsebene. Man mag sich wirklich fragen, ob man nicht Leute mit dem RAF-Logo verschreckt. Oder ob es nicht zu Verwechslungen kommt, wenn man für ein linkes Plakat Frakturschrift verwendet.

Zweitens: Wenn sich jemand (dessen Meinung mich interessiert ;-) ) davon gestört fühlt. Vielleicht hab ich mit einem Motiv kein Problem, aber jemand anderes schon. Dann wäge ich ab, und benutze ich es halt u.U. nicht. (Sollte eigentlich ein Basic sein.)

Dementsprechend hat antifastreetart das ‚anstößige‘ WTC-Bild wieder entfernt:

aber naja egal, tut mir leid wenns irgendjemanden angepisst hat, das bild is jetz auch wieder weg! Wenn sowas nochmal passieren sollte könnt ihr euch natürlich melden … Hoffe ihr hasst jetz nich das ganze projekt ..

Woraufhin Tekknoazze sich darüber lustig macht:

Bemerkenswert auch die Kommentare zur Löschung des angesprochenen Stencils […]
Reicht ja wenn es Leute anpisst ums zu Löschen, eigene inhaltliche Positionen haben da ja nichts zu suchen, dementsprechend lustig auch Kommentar Nummer 2:

Es reicht anscheinend nicht aus, dass jemand die eigene Position (Schamgefühl, Ästhetikempfinden, was auch immer) respektiert und dementsprechend handelt, sondern es wird erwartet, dass man sie sich zur Eigen macht. Das befremdet mich ein bisschen. Ich dachte als Linke wüssten wir, dass solche Tabus konstruiert sind, und stünden darüber?

PS: Ich hab früher auch mal das RAF-Maschinengewehr in Schulhefte gekritzelt, und nen Bild von Che im Zimmer hängen gehabt. Mit nem Palituch konnte ich aber nicht dienen, falsche Subkultur :-) . Nach dem Durchlauf durch die linke Theorieschmiede im Uni-Umfeld , und weiß auch wieso. Obwohl, vielleicht hol ich demnächst das Che-Poster wieder raus…

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5 Antworten auf “Böse Bilder”


  1. 1 im*moment*vorbei 23. September 2008 um 4:17 Uhr

    „Im Fall des World-Trade-Centers (no pun intended): Auch wenn mir persönlich diese radikalen Tierrechtsleute ein bisschen suspekt sind, habe ich persönlich kein Problem mit dem Bild. Klar ist das Bild nicht pietätvoll den Opfern gegenüber, aber ich bin Linker, und kein Christ, und deshalb fühle ich mich nicht zu Pietät verpflichtet.“

    als linker solltest du dich aber dem denken verpflichtet fühlen, oder? das abfeiern faschistischer anschläge zu kritisieren hat nichts mit pietät oder christentum zu tun… :-(

  2. 2 tee 23. September 2008 um 4:41 Uhr

    Wenn ich jetzt solche Bilder verdammen will, nehmen ich einerseits den Linken ihre Identifikationssymbole.

    ja schön wär’s!!! vielleicht würden die sich dann mal mit inhalten beschäftigen als sich den lieben langen tag (mit ihrer szene) zu identifizieren. identifikation ersetzt doch gerade das kritische bewusstsein.

    Man macht sich nicht alle Inhalte der RAF zu eigen, wenn man ihr Symbol als Wallpaper hat.

    na wenn das mit der fatah, der kpch oder auch der fpö dann auch so ist – prima! fakt ist aber, dass die raf so kritiklos beworben wird (vom anbietenden blog). und wieso sollte jemand, der den antisemitismus der raf für verkehrt befunden hat, noch ihr konterfei haben wollen?

    im fall des wtc-bildes hast du wohl den inhalt nicht gecheckt. denk nochmal drüber nach!

    Außerdem ist Amerika in vielen Dingen noch viel schlimmer als Deutschland (wobei Nationen eigentlich in ihrer ‘Schlimmheit’ inkommensurabel sind ), genannt seien die Kriege, der Militarismus, das fundamentalistische Christentum, das schlechte Sozialsystem, und und und. Deswegen habe ich durchaus kein Problem mit einem bisschen Anti-Amerikanismus.

    1. „eigentlich“! (lesetipp)
    2. wen kümmert’s wer schlimmer ist? beides sind nationalstaaten mit ihren eigenen zwecken. kritisier die doch und vergleich dich nicht blöd.
    3. antiamerikanismus … warum hat das wohl die endung -ismus?!
    4. vermisse kotzsmiley.

    Vielleicht hab ich mit einem Motiv kein Problem, aber jemand anderes schon. Dann wäge ich ab, und benutze ich es halt u.U. nicht. (Sollte eigentlich ein Basic sein.)

    du richtest dich also nach anderen (bzw. nach dem was die für richtig oder falsch befinden), nicht nach dem was du für richtig befindest??? DAS ist mal echt derb …

    Es reicht anscheinend nicht aus, dass jemand die eigene Position (Schamgefühl, Ästhetikempfinden, was auch immer) respektiert und dementsprechend handelt, sondern es wird erwartet, dass man sie sich zur Eigen macht.

    naja, es wird erwartet dass man so bescheuerte fehler korrigiert, weil man die kritik als richtig (an)erkannt hat. es geht doch nicht um positionen respektieren!
    nur erkennst du ja den fehler nicht.

    Ich dachte als Linke wüssten wir, dass solche Tabus konstruiert sind, und stünden darüber?

    noch einmal: es geht nicht um tabus, sondern um fehler. dir sind die fehler aber scheissegal, solange sie von „uns linken“ begangen werden geht alles klar. zum kotzen.

    ps: ideologie hattest du wohl nicht in deiner „linke[n] Theorieschmiede im Uni-Umfeld“, nur identifikation mit allem „linken“…

  3. 3 Administrator 23. September 2008 um 15:05 Uhr

    Hi, du schreibst „identifikation ersetzt doch gerade das kritische bewusstsein“. Ich sehe auch, dass das leider häufig der Fall ist. Doch gilt die Umkehrung immer? Kann kritisches Bewusstsein die Identifikation ganz ersetzen, insbesondere wenn erstes noch nicht soweit vorhanden ist, oder mein „kritisches Bewusstsein“ mir was anderes sagt als dir dein „kritisches Bewusstsein“?

    Mein anderer Punkt ist nicht gut rübergekommen. Kommt davon wenn ich nachts um halb 2 poste…

    Es gibt verschiedene Dinge, die man in einer Gesellschaft nicht tun oder sagen darf. Für nen Christen, dass man nicht über Gräber lauft, oder ein Kreuz nur richtigherum malt. Und nicht nur bei den Linken, dass man bestimmte vorbelastete Symbole nicht verwendet. Wenn ich doch (und sei es aus Unkenntnis) so ein Symbol benutze, um irgendwas auszudrücken, ziehe ich den Unmut meiner Gruppe auf mich, weil aus deren Sicht die ganzen negativen Aspekte mit hervorgeholt werden. Ich kann es nicht so verwenden, wie ich es möchte, es ist effektiv tabuisiert.

    Ich hab mich gefragt, ob das immer so sein muss. Warum kann ich nicht ein Symbol verwenden, wie ich es will? Ich denke es gibt die Vorstellung, dass diese negativen Ideen untrennbar dem Symbol an sich anhaften. Ein Palituch drückt demnach nicht nur Antisemitismus aus, wenn jemand mit dem nötigen Vorwissen es sieht. Es ist vielmehr antisemitisch, auch wenn es in einem Schrank liegt oder allein im Weltraum schwebt. (Daher die Forderung: Palitücher zu Topflappen ;-) ). Es ist demnach unmöglich, etwas ganz anderes damit auszudrücken.

    Ich möchte das in Zweifel stellen. Das eine gewisse Bedeutung diesen Symbolen anhaftet, ist gesellschaftlich erwachsen, und ich kann mich einfach entscheiden, das Symbol trotzdem zu benutzen. Man kann doch einfach einen Aspekt hervorheben, z.B. den Wunsch der RAF das System umzustürzen, ohne damit für alle anderen Aspekte einzustehen. Es ist doch erstmal überhaupt nicht gegeben, dass ich mit einem RAF-Bildchen irgendwo z.B. den Antisemitismus fördere. Höchstens, wenn das Publikum über die antisemitischen Tendenzen bescheidweiß, und auch noch unkritisch ist. Deswegen hatte ich ja die Vermittlung ins Spiel gebracht.

    Noch was zum schluss, du schreibst:

    noch einmal: es geht nicht um tabus, sondern um fehler. dir sind die fehler aber scheissegal, solange sie von “uns linken” begangen werden geht alles klar. zum kotzen.

    Mein Punkt ist gerade, dass es keine Fehler sind, sondern unterschiedliche Einstellungen. Ich kann deine Analyse teilen, aber vielleicht nicht deine Konsequenz beim Ablehnen der Bildchen. Dennoch würde ich das respektieren, und das Bild runternehmen.

    (Unglaublich, dass ich hier Pomo-Positionen verteidigen muss :-) )

  4. 4 tee 24. September 2008 um 0:53 Uhr

    Ich sehe auch, dass das leider häufig der Fall ist. Doch gilt die Umkehrung immer?

    du stimmst mir zu, willst dann aber mein argument mit der ungültigkeit seiner umkehrung widerlegen?! ist ein völlig anderer gegenstand, also echt!

    Ich kann es nicht so verwenden, wie ich es möchte, es ist effektiv tabuisiert.

    pff… benutz doch symbole wie du bock hast. wenn damit aber verkehrte inhalte transportiert werden (da zähle ich die inhaltslose identifikation „links“ mit dazu; weil kalaschnikow, raf oder beides ohne (weiteren) inhalt ist für mich ein verkehrter inhalt), find dich halt mit ab dass jemand was dagegen sagt. der vergleich mit dem palituch hinkt übrigens schwer. damit verbinden die meisten menschen nichts, es hat keinen symbolgehalt für sie. es ist schlicht mode. das ist bei den 3 buchstaben raf, vermummten mackern oder einem sturmgewehr etwas ganz anderes. und ein palituch ist niemals antisemitisch. so ein himmelschreiender blödsinn. dinge können einfach nicht antisemitisch sein, das können nur denkende und handelnde individuen. meist menschen ;)

    Man kann doch einfach einen Aspekt hervorheben, z.B. den Wunsch der RAF das System umzustürzen, ohne damit für alle anderen Aspekte einzustehen.

    klar. wie gesagt, man kann auch ganz andere symbole benutzen. fragt sich nur was ausser dem dir wichtigen punkt sonst noch transportiert wird. im fall der raf (mit kalaschnikow) ist es ihre art der politischen gewalt. du transportierst damit dein einverständnis an ihrer vorgehensweise, nicht nur ihrem „wunsch“.

    Es ist doch erstmal überhaupt nicht gegeben, dass ich mit einem RAF-Bildchen irgendwo z.B. den Antisemitismus fördere.

    stimmt. wollte ich so auch nicht behauptet haben.

    Ich kann deine Analyse teilen, aber vielleicht nicht deine Konsequenz beim Ablehnen der Bildchen.

    wirklich ablehnen tu ich nur ein bildchen. und zwar weil es einen eindeutigen verkehrten inhalt hat (und bewirbt). obwohl … wie schon erwähnt ist inhaltslose identifikation (bzw. identifikation weil „links“) auch verkehrt, also abzulehnen. denn wer sagt schon dass die linken inhalte richtig sind?

    Dennoch würde ich das respektieren, und das Bild runternehmen.

    warum verteidigst du nicht (argumentativ) was du richtig findest? stattdessen beugst du dich blind einer anderen meinung, egal ob sie falsch oder richtig ist. traurig.

  1. 1 Wenn nicht gewußt wird was ausgedrückt wird, aber es unbedingt sein soll « Scheckkarte Als Passion Pingback am 23. September 2008 um 9:20 Uhr
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