Verkehrter Sinn?

Nicht das moralische Versagen einzelner, sondern ein „Systemfehler“ sei schuld an der „Wirtschaftskrise“. Man suche in Deutschland halt immer nach einem Sündenbock. In den 30ern habe es halt die Juden getroffen. Und personalisierte Kritik habe etwas mit Antisemitismus zu tun.

Was wie der Versuch klingt, strukturellen Antisemitismus zu erklären, ist in Wahrheit die Zusammenfassung eines Interviews mit Unsympath Hans-Werner Sinn. Er schafft fast den Bogen, sieht er allerdings bei der Kritik an den Managern nicht Juden, sondern die Manager selbst in Gefahr. Der kleine Twist bringt ihm mächtig schelte u.A. vom Zentralrat der Juden ein: Er möge das Gesagte

„so schnell wie möglich ohne Wenn und Aber zurücknehmen und sich entschuldigen.“ […] „Mir wäre neu, dass Manager geschlagen, ermordet oder ins Konzentrationslager gesperrt würden.“

Die Gefahren von verkürzter, personalisierter Kapitalismuskritik auf dem Schirm zu haben ist ja ’ne wichtige Sache. In Deutschland neigen die sonst Leute dazu, schon mal auf komische Gedanken zu kommen. Kürzlich entdecktes Beispiel aus einer Vortragsankündigung der äußerst rechten Burschenschaft Hannovera, die jetzt den Antikapitalismus für sich entdeckt hat:

Der Vortrag erklärt, woher der Wachstumszwang überhaupt kommt, welche Folgen er nach sich zieht, und wie wir uns von ihm befreien können.
(Hervorhebung von mir.)

Allerdings wird der struktureller-Antisemitismus-Vorwurf gerne mal von Leuten missbraucht, die es sich auf der Titanic schon häuslich eingerichtet haben, um damit linke Praxis zu denunzieren. Seien es nichtmehrlinke hedo-Antideutsche, seien es Interessenverbände der Wirtschaft, personalisiert durch den Wirtschaftsweisen Herrn Sinn. Allerdings muss man aber ein Argument schon verstanden haben und korrekt artikulieren, damit es sinn macht.

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Sex, Gewalt und das [a:ka]

Sexismus und sexuelle Gewalt ist in allen Teilen der Gesellschaft ein Problem, die Antwort der radikalen Linken darauf ist das Konzept der Definitionsmacht. Nun ist die Definitionsmacht kein unproblematisches oder einfaches Konzept, und ich würde mir eine differenzierte und offene Diskussion darüber wünschen. Das ist aber nicht einfach in einer Linken, in der sie (in vielen Kreisen) bedingungslos „gesetzt“ ist.

Von einigen Genoss_innen, deren Meinungen ich sonst sehr schätze, hieß es z.B., natürlich sei es gut, wenn auch kritisch und offen über die Definitionsmacht diskutiert würde. Es sei auch klar, dass niemand mit einem entsprechenden Diskussionsstand geboren würde. Auch könne man über etwaige Probleme in der praktischen Durchführung reden. Hauptsache, am Ende würden alle die Definitionsmacht einsehen (!) und akzeptieren. Diskussion geht anders, finde ich…

Nun ist in Göttingen eine Veranstaltung unter dem Titel „Sex, Gewalt- und die Macht, zu definieren“ angekündigt, allerdings ausgerechnet von der anydeutschen Gruppe a:ka. Wir erinnern uns, das waren diejenigen, die im linken Jugendzentrum Juzi Veranstaltungsverbot gekriegt haben, nachdem sie den „Infantile Inquisition“-Autor Justus Wertmüller eingeladen und hofiert hatten. Deswegen befürchte ich, dass diese Veranstaltung nicht besonders erhellend oder kritisch werden wird.

Schaut man sich ihren Veranstaltungstext an, so wird ihre Argumentationslinie klar:

allein das Opfer soll defi nieren können, um was es sich gehandelt habe. Eine Beschäftigung mit dem, was passiert ist, soll ausgeschlossen sein. Die Vollstreckung des Urteils liegt dann meist bei einem „UnterstützerInnenkreis“; das Strafmaß reicht vom Hausverbot über die Veröffentlichung der Identität bis zur Anwendung von Gewalt.
Sie verlangen implizit eine Verobjektivierung der Tat; ein Betrachten unter „rechtlichen“, objektiven Gesichtspunkten; ein Feststellen, was nun gewesen ist, um daraus das Strafmaß abzuleiten. Das ist nicht nur wegen der Gefahr der Retraumatisierung der/des Betroffenen problematisch, sondern auch, weil sich eine subjektiv empfundene Grenzüberschreitung sich nicht in ein objektives (Rechts-)Schema pressen lässt.

Interessant scheint ihre Kritik, dass der Def‘macht ein patriarchales Männer- und Frauenbild zugrunde liegt:

Dem Mann fällt die Rolle des aktiven, letztlich aggressiven Subjekts der Sexualität zu, während die Frau per se das passive, die Lust des anderen nur erduldende Objekt darstellen soll. Noch der übelste Macker darf sich als Antisexist fühlen, wenn er einen vermeintlichen Sexisten aus dem JuzI entfernt, um die weiblichen Gäste vor der Gefahr zu beschützen. In Wahrheit handelt er dabei wie der Ritter, der die holde, gar hilflose Prinzessin vor dem Drachen errettet – Emanzipation geht anders.
Nun verkennt der a:ka, dass es nicht die Definitionsmacht ist, die dieses Geschlechterbild in die Gesellschaft trägt. Vielmehr ist das Geschlechterbild auch in der Linken wirkmächtig; es ist nun mal so, dass die „Täter“ meistens „Männer“ und die „Betroffenen“ meistens „Frauen“ sind. Somit ist die einseitige Form der Definitionsmacht als „Gegenkonzept“ zur alltäglichen sexistischen Gewalt gerechtfertigt. Allerdings wird hier deutlich, woran dieses und ähnliche „Gegenkonzepte“ kranken, nämlich, dass sie letztlich nicht über das Bestehende hinausweisen können.

PS: Schlag doch mal jemand ein genuin emanzipatorisches, anarchistisches Konzept als Alternative zur Def‘macht zum Umgang mit sexualisierter/sexueller Gewalt vor! Ich denke, der Schlüssel liegt vor allem in der Prävention von Gewalt(wahrnehmungen) durch einen sensibilisierten Umgang miteinander. Auch braucht es ein differenzierteres „Arsenal“ an Maßnahmen (als nur Meidung und Ausschluss) wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. An dieser Stelle hat die Def‘macht aber Potential, wobei das „Gesamtpaket“ wohl noch nicht abgeschlossen ist und eine wirklich offene Diskussion in der Linken sinnvoll wäre.

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Einbruch des Virtuellen in sich selbst?

Beim Tagesanzeiger(.ch) schreibt der Geschichtsprofessor Philipp Sarasin über „den Einbruch des Realen ins Virtuelle“ (via). Die Banken-(Finzanz-, Wirtschafts-, Wasimmer-)Krise veranlasst ihn, sein postmodernes Paradigma zu überdenken. Dabei findet er eine gewagte, oder zumindest eine mit einem weiten Bogen gespannte Beziehung zwischen den „Sprachspielen“, die Geisteswissenschaftler seit Lyotard (eigentlich auch schon seit Wittgenstein) beschäftigen, und den „Zahlenspielen“, dem Spekulieren auf „virtuelle“ Werte an den Börsen.

Teilnehmende Beobachtungen kommentiert den Text folgendermaßen:

Wenn Kriege ausbrechen soll man also die politischen und ökonomischen Gründe dafür untersuchen, statt die Ähnlichkeit von Langstreckenraketen und Phallus in seitenlangen Essays zu beschreiben.
Sehr geil, muss ich mir merken.

Sarasin scheint ja zu ahnen, dass die Postmoderne die geeignete Ideologie für den heutigen Kapitalismus ist. Auf dem Markt der Ideen ist eine genauso gut wie die andere. Qualitative Unterschiede werden hier genauso nivelliert wie beim Tauschwert auf dem Warenmarkt. Der Rahmen, in dem das Ganze stattfindet, ist hier wie da sakrosankt. Keine Idee kann hervorstechen, besonders sein, über den Rahmen hinausgehen. Das geht soweit, dass dieser Rahmen für alles gehalten wird, was es geben kann. Die poppersche „freie Gesellschaft“ des ewigen Marktes und der ewigen „Demokratie“ lässt grüßen. Bei Sarasin führt die Beschränkung zum klassischen Dualismus Markt/Planwirtschaft:

Man soll dennoch nicht behaupten, die Erwartungen und Hoffnungen der jetzt verarmten Hausbesitzer seien grundsätzlich naiv gewesen. Denn die Alternative zum Glauben ans Wachstum im freien Markt wäre die Planwirtschaft und die staatliche Festsetzung von Preisen.

Fatal finde ich, welcher Art diese „Realität“ sein soll, die sich da einbrechend Gehör verschafft. Ist doch gerade das Marktversagen ein höchst irrealer, virtueller Vorgang. Es geht hier ja nicht um eine reelle Naturkatastrophe wie ein Tsunami oder eine Hungersnot. Vielmehr entsteht der Markt erst durch die gesellschaftliche Praxis. Er ist zwar wirkmächtig, weshalb sich ihm niemand entziehen kann. Gerade dadurch, dass alle an ihm teilnehmen wird er aber erst wirkmächtig und reproduziert sich. Er könnte also als ein Paradebeispiel von sozialer Konstruktion angesehen werden.

Witzig also, dass dieser kollektiver Irrsinn als „Realität“ gegen etwas Virtuelles in Anschlag gebracht werden soll. Mensch glaubt, durch die Konfrontation mit der „Realität“ der Krise aus dem postmodernen Dornröschenschlaf gerissen worden zu sein, jedoch ist man nur einer weiteren Konstruktion der Matrix aufgesessen. (Paradoxerweise „wusste“ man vorher, dass alles nur Schall und Rauch, Bild und Zeichen ist. Ausgerechnet den Markt als die hinterliegende Realität zu begreifen ist eher ein Schritt zurück!)

Das ist nicht bloß ein philosophisches Problem. Wer den Markt im Gegensatz zu „Zahlenspielen“ als was „wahreres“ sieht, kommt zwangsläufig zu Schlussfolgerungen wie diesem:

Doch Märkte und Konkurrenz als solche waren gar nicht die Ursache der Krise. Ihre Ursache war der neoliberale Marktfetischismus: der Glaube, dass der Markt sich vollständig selbst reguliert.

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Der Islam in den Medien als „Sonde“ zur Untersuchung deutscher Zustande

Zwei vielsagende Meldungen heute nahe beieinander beim heise.de-Newsticker:

Start von Little Big Planet wegen „Mein Kampf“-Zitaten verzögert

Verzeihung, vertippt. Im Original:

Start von Little Big Planet wegen Koran-Zitaten verzögert

Im Soundtrack des Playstation-3-Spiels Little Big Planet sollen sich zwei Koranzitate finden. Sony hat den Titel vorerst zurückgerufen und prüft den Vorfall. mehr…

Es geht ja wohl nicht an, dass jemand in einem freiheitsliebenden, christlichen Land aus dem Koran zitiert!! ;-) . Nein, im Ernst, man ist wahrscheinlich eher besorgt, die religiösen Gefühle von jemandem zu verletzen. Fragt sich nur, ob sich ernsthaft jemand beleidigt fühlt. Dem Link nach zu urteilen, wird der Islam mit den Stücken nicht verunglimpft oder Muslime beleidigt, man verwendet nur ein paar düstere und gruselige Zitate, um dem Song eine dunke Stimmung zu geben. [Update: noch nicht einmal das, die Samples sind auf Arabisch. Kaum ein_e Käufer_in wird sie verstehen. Es sollte wohl nur „orientalisch“ klingen. Und: es hat sich tatsächlich jemand beschwert. Das ist doch ein bisschen übertrieben, oder?]. Es ist seit Ewigkeiten üblich, ähnliche Zitate aus dem Christentum in der Kunst zu verwenden. Wenn das ein Problem ist, müsste man viele Alben aus dem Regal nehmen, als augenfälliges Beispiel „Believe“ von Disturbed, oder auch manche Kabbalah-Eso-Sachen von Madonna.

Die andere Meldung:

Islamistische Terroristen sollen Botschaften in kinderpornografischen Bildern verschlüsseln

Nach Medienberichten wollen britische Sicherheitsbehörden eine „Verbindung zwischen Terrorplänen und Hardcore-Kinderpornografie“ entdeckt haben. mehr…

Der Bericht weist aber auch darauf hin, dass die Meldung äußerst zweifelhaft ist. Es macht nicht gerade Sinn, seine klandestinen Botschaften gerade in solchen Bildern zu verstecken, wonach intensiv gefahndet wird. Außerdem scheint es ziemlich wiedersprüchlich, wenn man sich als hochkonservativer Islamist mit Pornographie beschäftigt, geschweige denn Kinderpornographie. Die Times nimmt das aber gerade als Beleg für deren Verwirrtheit.

Es scheint, der Vorwurf sexueller Perversion gehöre genauso zur Islamophobie, wie das Gerücht des rituellen Kindermords zum Antijudaismus.

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It’s the end of the world as we know it…

…and I feel fine.

Schon immer waren die Menschen von der Idee eines bald bevorstehenden Weltuntergangs fasziniert. Scheinbar in letzter Zeit besonders, wie man nicht nur an dem großen Zulauf sieht, den die oft endzeitlichen christlichen Freikirchen momentan verzeichnen.

Ein Beispiel für einen modernen Weltuntergangsmythos findet man in der teilweise hysterischen Berichterstattung über den Large Hadron Collider (LHC). Der LHC könne Schwarze Löcher produzieren, die die Welt verschlingen würden, hieß es unter anderem. Während solche Behauptungen hierzulande hauptsächlich in der Springer-Presse und auf Youtube auftauchten, und dementsprechend kritisch betrachtet wurden, kam es andernorts zu regelrechten Massenpaniken. Besonders tragisch: In Indien nahm sich ein junges Mädchen aus Angst vor dem bevorstehenden Ende das Leben.

Nun zeichnet sich eine neue Weltuntergangserzählung ab. Nicht die physische Welt, sondern die Gesellschaft, so wie wir sie kennen, ist von der Katastrophe bedroht. Die Rede ist von der Bankenkrise, die sich langsam aber sicher, wie eine unaufhörliche Walze, zu einer Weltwirtschaftskrise entwickelt.

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