Sexismus und sexuelle Gewalt ist in allen Teilen der Gesellschaft ein Problem, die Antwort der radikalen Linken darauf ist das Konzept der Definitionsmacht. Nun ist die Definitionsmacht kein unproblematisches oder einfaches Konzept, und ich würde mir eine differenzierte und offene Diskussion darüber wünschen. Das ist aber nicht einfach in einer Linken, in der sie (in vielen Kreisen) bedingungslos „gesetzt“ ist.
Von einigen Genoss_innen, deren Meinungen ich sonst sehr schätze, hieß es z.B., natürlich sei es gut, wenn auch kritisch und offen über die Definitionsmacht diskutiert würde. Es sei auch klar, dass niemand mit einem entsprechenden Diskussionsstand geboren würde. Auch könne man über etwaige Probleme in der praktischen Durchführung reden. Hauptsache, am Ende würden alle die Definitionsmacht einsehen (!) und akzeptieren. Diskussion geht anders, finde ich…
Nun ist in Göttingen eine Veranstaltung unter dem Titel „Sex, Gewalt- und die Macht, zu definieren“ angekündigt, allerdings ausgerechnet von der anydeutschen Gruppe a:ka. Wir erinnern uns, das waren diejenigen, die im linken Jugendzentrum Juzi Veranstaltungsverbot gekriegt haben, nachdem sie den „Infantile Inquisition“-Autor Justus Wertmüller eingeladen und hofiert hatten. Deswegen befürchte ich, dass diese Veranstaltung nicht besonders erhellend oder kritisch werden wird.
Schaut man sich ihren Veranstaltungstext an, so wird ihre Argumentationslinie klar:
allein das Opfer soll defi nieren können, um was es sich gehandelt habe. Eine Beschäftigung mit dem, was passiert ist, soll ausgeschlossen sein. Die Vollstreckung des Urteils liegt dann meist bei einem „UnterstützerInnenkreis“; das Strafmaß reicht vom Hausverbot über die Veröffentlichung der Identität bis zur Anwendung von Gewalt.
Sie verlangen implizit eine Verobjektivierung der Tat; ein Betrachten unter „rechtlichen“, objektiven Gesichtspunkten; ein Feststellen, was nun gewesen ist, um daraus das Strafmaß abzuleiten. Das ist nicht nur wegen der Gefahr der Retraumatisierung der/des Betroffenen problematisch, sondern auch, weil sich eine subjektiv empfundene Grenzüberschreitung sich nicht in ein objektives (Rechts-)Schema pressen lässt.
Interessant scheint ihre Kritik, dass der Def‘macht ein patriarchales Männer- und Frauenbild zugrunde liegt:
Dem Mann fällt die Rolle des aktiven, letztlich aggressiven Subjekts der Sexualität zu, während die Frau per se das passive, die Lust des anderen nur erduldende Objekt darstellen soll. Noch der übelste Macker darf sich als Antisexist fühlen, wenn er einen vermeintlichen Sexisten aus dem JuzI entfernt, um die weiblichen Gäste vor der Gefahr zu beschützen. In Wahrheit handelt er dabei wie der Ritter, der die holde, gar hilflose Prinzessin vor dem Drachen errettet – Emanzipation geht anders.
Nun verkennt der a:ka, dass es nicht die Definitionsmacht ist, die dieses Geschlechterbild in die Gesellschaft trägt. Vielmehr ist das Geschlechterbild auch in der Linken wirkmächtig; es ist nun mal so, dass die „Täter“ meistens „Männer“ und die „Betroffenen“ meistens „Frauen“ sind. Somit ist die einseitige Form der Definitionsmacht als „Gegenkonzept“ zur alltäglichen sexistischen Gewalt gerechtfertigt. Allerdings wird hier deutlich, woran dieses und ähnliche „Gegenkonzepte“ kranken, nämlich, dass sie letztlich nicht über das Bestehende hinausweisen können.
PS: Schlag doch mal jemand ein genuin emanzipatorisches, anarchistisches Konzept als Alternative zur Def‘macht zum Umgang mit sexualisierter/sexueller Gewalt vor! Ich denke, der Schlüssel liegt vor allem in der Prävention von Gewalt(wahrnehmungen) durch einen sensibilisierten Umgang miteinander. Auch braucht es ein differenzierteres „Arsenal“ an Maßnahmen (als nur Meidung und Ausschluss) wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. An dieser Stelle hat die Def‘macht aber Potential, wobei das „Gesamtpaket“ wohl noch nicht abgeschlossen ist und eine wirklich offene Diskussion in der Linken sinnvoll wäre.
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